24 Heures du Mans 2016

Richard Lietz über Le Mans

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„Eines der letzten großen Abenteuer“

Richard Lietz kennt Le Mans wie seine Westentasche. Für den Österreicher im Team Dempsey Proton Racing ist der 24-Stunden-Klassiker in der französischen Provinz eine der größten Herausforderungen, die der Motorsport zu bieten hat. Auch in diesem Jahr freut er sich auf seinen Start im Porsche 911 RSR mit der Startnummer 77. Beim Test auf dem Circuit des 24 Heures sagte der dreifache Le-Mans-Gewinner über…

…das Rennen:
„Le Mans ist das wichtigste Rennen des Jahres. Eines der letzten großen Abenteuer, die du als Rennfahrer erleben kannst. Für viele ist es ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit. Für mich und viele meiner Kollegen ist es dagegen ein ewig junger Klassiker mit einer unvergleichlichen Faszination. In einem sind wir uns alle einig: Le Mans ist das härteste Autorennen der Welt und alle Jahre wieder eine der größten Herausforderungen, die der Motorsport zu bieten hat.“

…die Strecke:
„Der Circuit des 24 Heures ist eine einzigartige Mischung aus Rennstrecke und Landstraßen, über die bis kurz vor dem ersten Training noch der ganz normale Alltagsverkehr rollt. Wir sind eine Woche in Le Mans, und die Strecke ist jeden Tag anders. Am Anfang ist sie noch voller Schmutz, erst nach ein paar Trainingstagen liegt da so viel Gummi, dass die Reifen den nötigen Grip haben und wir richtig Gas geben können.“

…die schwierige Abstimmung der Autos:
„Ein Auto in Le Mans perfekt abzustimmen, ist eine Kunst. Auf den langen Geraden willst du wenig Luftwiderstand haben, also wenig Abtrieb, doch der fehlt dir dann in den vielen schnellen Kurven wie etwa der Indianapolis. Entsprechend nervös reagiert dein Auto. Wenn du es aber so abstimmst, dass es in den Kurven perfekt auf der Straße liegt, kannst du sicher sein, dass du auf den Geraden viel zu langsam bist. Du musst also den bestmöglichen Kompromiss finden. Wir sind ein eingespieltes Team und haben viel Erfahrung. Ich gehe davon aus, dass wir mit einer optimalen Abstimmung ins Rennen starten werden.“

…die einzigartige Atmosphäre:
„Nach Le Mans kommen jedes Jahr über 250.000 Zuschauer. Das sind echte Fans, die verrückt sind nach diesem Rennen. Entsprechend toll und ausgelassen ist die Stimmung, und das nicht nur am Renntag. Ich habe diese Fans jetzt schon oft erlebt, bekomme aber immer noch eine Gänsehaut, wenn ich diese Begeisterung erlebe.“

…die Anforderungen an die Fahrer:
„Natürlich geht so ein 24-Stunden-Rennen an die Substanz. Doch es ist nicht nur die körperliche Belastung, die du in Le Mans verkraften musst. Auch die mentalen Anforderungen sind enorm. Es ist sehr schwierig, die ganze Zeit über voll konzentriert zu bleiben. Wir sind nur drei Fahrer pro Auto, die Pausen zwischen unseren Einsätzen sind also relativ kurz. Um so wichtiger ist es, sich möglichst schnell und gut zu erholen und dann wieder voll konzentriert zu sein. Wer das nicht kann ist möglicherweise schon müde, bevor das Rennen richtig los geht.“

…das Fahren bei Nacht:
„Wenn du nachts auf der Strecke bist, kommst du dir manchmal vor wie mitten in einem Gewitter. Die superstarken LMP1-Autos haben sehr helle Scheinwerfer, und wenn sie zum Überrunden ansetzen, blenden sie auch noch auf und ab, als wenn du nicht auch so merken würdest, dass sie hinter dir sind. Das bedeutet, du musst dich nicht nur nach vorne konzentrieren, sondern auch aufpassen, was von hinten kommt. Nachts passieren deshalb auch viel leichter Fehler als am Tag. Nur – in Le Mans solltest du möglichst keine Fehler machen, weder am Tag noch in der Nacht.“

…die Taktik:
„Ein 24-Stunden-Rennen folgt seinen eigenen Gesetzen. Schnell zu sein, ist nicht alles. In den ersten Stunden musst du nicht unbedingt vorne sein. Da ist es besser, du schaust nach deinem Auto, hältst dich aus allen Rangeleien heraus und passt auf, dass du nichts kaputt machst. Doch in der letzten Stunde, wenn es um den Sieg geht, dann musst du mit einem heilen Auto zur Stelle sein und versuchen, deine Chance zu nutzen.“

…seine Chance auf den vierten Sieg:
„Der Porsche 911 RSR hat bei unserem letzten Sieg 2013 bewiesen, dass er schnell und zuverlässig ist. Auch wenn unsere Konkurrenten mit völlig neu entwickelten Autos nach Le Mans kommen – vor diesem Rennen werden die Karten neu gemischt. Wir haben uns sehr gut vorbereitet und ich bin sicher: Wenn nicht irgendwas Dummes passiert, werden wir mit dem 911 RSR auch in diesem Jahr wieder um einen Spitzenplatz kämpfen können. Ob es für mich zum vierten Sieg reicht, werden wir sehen.“

…das Gefühl des Sieges:
„In Le Mans zu gewinnen, ist ein Wahnsinnsgefühl. Du stehst auf dem Podium hoch über der Boxengasse. Unten drängen sich Tausende von Fans, die dir zujubeln und sich mit dir über deinen Erfolg freuen. Du weißt, dass es ein Jahr dauern wird, bis wieder einer da oben stehen wird. Und dass es auf der Welt viele Rennfahrer gibt, die nie da oben stehen werden. Für den, der es geschafft hat, sind das Momente, die er sein Leben lang nicht vergessen wird.“