Saison 2018

Christian Ried über Le Mans

By  | 

„Ein Wahnsinnsgefühl“

Interview mit Christian Ried

Mit dem Sieg bei den 24 Stunden von Le Mans feierte Christian Ried seinen größten Erfolg als Rennfahrer. Im Porsche 911 RSR mit der Startnummer 77 gewann er das härteste Autorennen der Welt in der Klasse GTE-Am zusammen mit seinen Teamkollegen Matt Campbell und Julien Andlauer. In unserem Interview spricht er über diesen Triumph und die Faszination von Le Mans.

Christian, Sie sind für Ihr Team Dempsey Proton Racing die Schlussrunden in Le Mans gefahren. Was ging Ihnen auf dem Weg ins Ziel und zum Sieg durch den Kopf?

„In erster Linie konzentrierte ich mich natürlich auf das Rennen. In Le Mans kann so viel passieren, da darf man sich nie zu sicher fühlen. Da waren so viele Autos auf der Strecke mit Fahrern, für die es am Ende um nichts mehr ging. Die musst du ständig im Blick haben. Du musst aufpassen, was vor und neben dir passiert, musst aber auch in den Rückspiegel schauen, um schnelleren Konkurrenten nicht vor der Nase herumzufahren. Kurz gesagt: Auch in der allerletzten Runde, nach fast 24 Stunden, musst du voll konzentriert bleiben. Das habe ich versucht und dabei alles ausgeblendet, was mich hätte ablenken können. Erst auf der Auslaufrunde spielte das Gedankenkarussell verrückt.“

Um Ihr Auto mussten Sie sich keine Sorgen machen?

„Nein, überhaupt nicht. Unser 911 RSR lief über die volle Distanz wie das sprichwörtliche Schweizer Uhrwerk. Wir hatten weder im Training und Qualifying noch im Rennen das kleinste technische Problem. Porsche hat uns ein tolles Auto an die Hand gegeben und unser Team hat es, mit der superprofessionellen Unterstützung von Ingenieuren von Porsche Motorsport, perfekt auf dieses Rennen vorbereitet und abgestimmt.“

Wie ist das, Le Mans zu gewinnen?

„Für mich persönlich ging ein Traum in Erfüllung. Dieses Rennen zu gewinnen ist ein Gefühl, das nur schwer in Worte zu fassen ist.“

Versuchen Sie es…

„Ein Sieg in Le Mans ist das Größte. Ein Wahnsinnsgefühl. Bei der Siegerehrung stehst du auf dem Podium hoch über der Boxengasse. Unten drängen sich Tausende von Fans, die dir zujubeln und sich mit dir über deinen Erfolg freuen. Du weißt, dass es ein ganzes Jahr dauern wird, bis wieder einer da oben stehen wird. Und dass es auf der Welt viele sehr gute Rennfahrer gibt, die nie da oben stehen werden. Für den, der es geschafft hat, sind das Momente, die er sein Leben lang nicht vergessen wird. Für mich war das Gänsehaut pur. Ich bin glücklich und dankbar, dass ich das erleben durfte.“

Sie haben auch in Le Mans eng mit Porsche Motorsport und Ihrem Reifenpartner Michelin zusammengearbeitet, dazu hatten sie mit der Mannschaft von Proton Competition ein erfahrenes Einsatzteam im Rücken. Wie wichtig war das für den Erfolg?

„Ein Rennen wie Le Mans gewinnt man nie alleine. Die Voraussetzung für so einen Erfolg ist ein optimales Gesamtpaket. Und das hatten wir. Porsche Motorsport hat uns im Vorfeld und beim Rennen selbst toll unterstützt, der 911 RSR glänzte mit einer unglaublichen Performance und Zuverlässigkeit, und die Reifen, die uns Michelin zur Verfügung gestellt hat, haben perfekt dazu gepasst. Neben unseren Partnern hat natürlich auch das Team einen sehr großen Anteil an diesem Erfolg. Ich bin unheimlich stolz auf unsere Jungs, die wie immer an ihre Grenzen gegangen sind und auch unter schwierigsten Bedingungen alles auf den Punkt gebracht haben. Ich freue mich für sie, denn für diesen Erfolg haben auch sie viele Jahre hart gearbeitet. Sie haben sich diesen Sieg verdient.“

Nicht nur Sie, auch Ihre zwei Teamkollegen haben ein fehlerfreies Rennen abgeliefert. Dabei stehen sie erst am Anfang ihrer Karriere.

„In der Tat. Matt Campbell und Julien Andlauer sind zwei noch sehr junge, aber hochtalentierte und schon jetzt sehr schnelle Rennfahrer. Sie kommen aus der Porsche-Nachwuchsförderung und bringen alles mit, um im internationalen Langstreckensport noch viele große Erfolge zu feiern. Julien ist erst 18 Jahre und hat schon jetzt als jüngster Klassensieger in Le Mans Geschichte geschrieben. Beide waren zum ersten Mal in Le Mans am Start und haben auf Anhieb gewonnen. Das muss ihnen erstmal einer nachmachen.“

Sind die Anforderungen an die Fahrer bei diesem Rennen nicht irgendwo schon grenzwertig?

„Natürlich geht so ein 24-Stunden-Rennen an die Substanz. Doch es ist nicht nur die körperliche Belastung, die du in Le Mans verkraften musst. Auch die mentalen Anforderungen sind enorm. Es ist sehr schwierig, die ganze Zeit über voll konzentriert zu bleiben. Wir sind nur drei Fahrer pro Auto, die Pausen zwischen unseren Einsätzen sind also relativ kurz. Umso wichtiger ist es, sich möglichst schnell und gut zu erholen und dann wieder voll konzentriert zu sein. Wer das nicht kann, ist möglicherweise schon müde, bevor das Rennen richtig losgeht.“

Und trotzdem will jeder dabei sein. Was macht eigentlich die Faszination von Le Mans aus?

„Die 24 Stunden von Le Mans sind eines der letzten großen Abenteuer, die du als Rennfahrer erleben kannst. Auch wenn dieses Rennen von manchen für ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit gehalten wird – für mich und die meisten meiner Kollegen ist es ein ewig junger Klassiker mit einer unvergleichlichen Faszination. Le Mans ist das härteste Autorennen der Welt und alle Jahre wieder eine der größten Herausforderungen, die der Motorsport zu bieten hat. Nach Le Mans kommen über 250.000 Zuschauer. Das sind echte Fans, die verrückt sind nach diesem Rennen. Entsprechend toll und ausgelassen ist die Stimmung, und das nicht nur am Renntag. Ich war jetzt schon oft in Le Mans. Trotzdem bekomme ich immer noch eine Gänsehaut, wenn ich diese Begeisterung erlebe.“